Das Lebensrad: Ein Blatt Papier, acht Fragen — und du weißt, wo du stehst
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Mein erstes Lebensrad habe ich im Studium gezeichnet. Eine Übung in einem Seminar, ein Kreis auf weißem Papier, acht Tortenstücke, eine Skala von eins bis zehn. Damals ahnte ich nicht, dass diese kleine Übung mich über zwei Jahrzehnte immer noch begleiten würde — als stillen Check-in mit mir selbst.
Ich hole das Lebensrad alle paar Jahre hervor. Wenn ich merke, dass ich zu viel im Außen war und zu wenig bei mir. Wenn ich mich wieder zentrieren und vielleicht neu ausrichten möchte.
Was das Lebensrad ist — und wofür es gut ist
Das Lebensrad ist eine der ältesten und einfachsten Reflexionsübungen im Coaching. Ein Kreis, in acht oder zehn Bereiche aufgeteilt — je nachdem, wie du es zuschneidest. Jeder Bereich steht für einen Teil deines Lebens. Du bewertest jeden auf einer Skala von eins bis zehn und füllst jedes Tortenstück vom Mittelpunkt bis zu deinem Wert aus. Manchmal wird daraus ein rundes Rad. Häufiger eine zerklüftete Form mit langen und kurzen Stücken.
Genau das ist der Sinn. Du siehst auf einen Blick: Wo bin ich gerade rund, wo eiere ich? Was läuft gut, was hakt? Welche Bereiche hängen mit anderen zusammen — und welcher zieht gerade das ganze Rad nach unten?
Das Lebensrad ersetzt keine Therapie und keine Diagnose. Es ist ein Werkzeug zur Standortbestimmung — wie eine Karte, die dir zeigt, wo du gerade bist, ohne dir vorzuschreiben, wohin du gehen sollst.
Was das Modell stark macht, ist seine Einfachheit. Es braucht kein Vorwissen. Ein Blatt Papier und ein Stift reichen.

Die acht Bereiche — und die Fragen, die du dir dazu stellen kannst
Eine klassische Aufteilung, mit der ich gerne arbeite, sieht so aus — und unter jedem Bereich findest du Fragen, mit denen du dir den Bereich vornehmen kannst. Du musst nicht jede beantworten. Es reicht, wenn eine bei dir hängenbleibt.
Beruf & Berufung — Sinn, Aufgaben, Entwicklung, Geld
• Hat mein Beruf noch etwas mit dem zu tun, was mir wichtig ist?
• Wann habe ich zuletzt gespürt, dass ich gemeint bin — und nicht nur die Rolle, die ich spiele?
• Wenn ich morgen aufhören könnte: Was würde mir fehlen, was wäre ich los?
Gesundheit — Körper, Bewegung, Schlaf, Erholung
• Schlafe ich erholsam — oder funktioniere ich nur?
• Wann gehe ich über Erschöpfung oder Schmerz hinweg, statt hinzuhören?
• Habe ich Erkrankungen, die mich belasten und was tue ich um meine Gesundheit zu unterstützen?
Partnerschaft — Nähe, Intimität, Verbundenheit
• Bin ich wirklich im Kontakt mit meiner Partner:in?
• Reden wir über das, was wirklich zählt?
• Wie ist es um unser Sexleben bestellt?
• Wann haben wir uns zuletzt als Paar erlebt — nicht als Eltern, nicht als Hausgemeinschaft?
Familie & Freunde — Beziehungen, Zugehörigkeit, Austausch
• Wer von den Menschen, die mir wichtig sind, weiß wirklich, wie es mir geht?
• Bin ich nur Geber, oder auch mal Nehmer?
• Welche Beziehung tut mir gut — welche kostet mehr, als sie gibt?
Finanzen — Versorgung, Sicherheit, Spielraum
• Habe ich ein Polster, das mir nachts Ruhe gibt?
• Habe ich mit meinem Einkommen Spielraum oder nur Pflicht?
• Passen meine Ausgaben zu dem, was mir wichtig ist?
Persönliche Entwicklung — Lernen, Wachsen, Reflektieren
• Wachse ich an meinen Aufgaben in dem Tempo, wie ich es mir wünsche?
• Wann habe ich zuletzt etwas Neues gelernt, weil es MICH interessiert hat?
• Wo wachse ich gerade — und wo stehe ich still?
Freizeit & Lebensfreude — Spiel, Hobbys, Genuss
• Was tue ich aus reiner Lust — nicht für andere, nicht für später, nicht für ein Ziel?
• Kann ich die kleinen Momente genießen, innehalten und ganz im Moment sein?
• Gibt es etwas, worauf ich mich freue, das nur für mich da ist?
Wohnen & Umfeld — Ort, Raum, Atmosphäre
• Komme ich gern nach Hause?
• Ist mein Wohnort der, an dem ich sein will — oder der, an dem ich gelandet bin?
• Habe ich einen Ort, an dem ich runterkomme?
Die Bereiche kannst du umbenennen, austauschen, ergänzen. Manche Menschen nehmen „Spiritualität" oder „Sinn" dazu. Andere splitten „Familie & Freunde" auf. Mach es so, dass es dein Leben abbildet — nicht das einer Vorlage aus dem Internet.
Anleitung — so füllst du dein Lebensrad in 20 Minuten aus
1. Nimm ein leeres Blatt. Zeichne einen Kreis. Teile ihn in acht gleich große Stücke. Beschrifte jedes Stück mit einem Bereich.
2. Vergib für jeden Bereich eine Zahl zwischen eins (sehr unzufrieden) und zehn (rundum stimmig). Denk dabei kurz nach, aber nicht zu lang. Die erste Zahl ist oft die ehrlichste.
3. Markiere für jeden Bereich deinen Wert auf der Mittellinie des Tortenstücks und fülle das Stück vom Mittelpunkt bis dahin aus — eine Acht reicht weiter nach außen als eine Vier.
4. Schau dir die Form an. Was siehst du? Wo ist es rund, wo schief? Was überrascht dich? Was hattest du erwartet?
Mehr braucht es im ersten Schritt nicht. Du musst nichts entscheiden. Du musst auch nichts ändern. Du schaust nur hin.

Was die Bewertung dir zeigt — und was nicht
Die Zahlen allein sind nicht das Interessante. Spannend ist auch, was du beim Bewerten gespürt hast. Vielleicht merkst du: Beruf steht auf einer Neun, aber du hast bei der Zahl gezögert. Vielleicht ist die Partnerschaft auf einer Sieben, aber das Bauchgefühl sagt eher eine Fünf. Solche kleinen Diskrepanzen sind die spannendsten Stellen. Da liegt etwas, das noch nicht ausgesprochen ist.
Frag dich beim Hinschauen:
• Welcher Bereich beschäftigt mich gerade besonders?
• Wo bin ich überrascht — positiv oder negativ?
• Wo ist gerade ruhiges Fahrwasser, wo zieht es mich aus dem Kurs?
• Welche Bereiche hängen zusammen? Wenn ich an einem etwas verändere — was passiert mit den anderen?
Es geht nicht darum, jeden Bereich auf zehn zu bringen. Eine Zehn in allen acht Feldern ist weder realistisch noch ein erstrebenswertes Ziel. Das Leben ist keine Maschine, die im Optimum laufen soll. Es ist ein Gefüge mit Phasen.
Lebensrad-Vorlage zum Ausdrucken
Wenn du nicht selbst zeichnen willst: Ich habe eine Druckvorlage im A4-Hochformat vorbereitet — leerer Kreis, acht Bereiche beschriftet, Skala von eins bis zehn, am Fuß eine kurze Anleitung.
Du brauchst keine Anmeldung, keinen Newsletter, keinen Termin. Einfach ausdrucken, zwanzig Minuten Zeit nehmen, ausfüllen. Wenn du magst, schreibst du das Datum oben drauf — beim nächsten Mal hast du dann einen Vergleich.
Was du danach tun kannst — oder bewusst lassen
Manche Menschen leiten aus dem Lebensrad konkrete Schritte ab. Sie nehmen sich einen schwachen Bereich vor, setzen ein kleines, machbares Ziel und schauen in drei Monaten wieder hin. Andere lassen das Rad einfach für eine Weile liegen. Sie tragen das Bild im Kopf — und merken Wochen später, dass sie an manchen Stellen anders entschieden haben als sonst.
Beides ist legitim. Das Lebensrad ist kein Aufgabenplan. Es ist eine Standortbestimmung. Und das heißt: erst einmal wissen, wo du gerade stehst. Was du daraus machst, entscheidest du in deinem Tempo.
Wenn du nach dem Hinschauen merkst, dass du an einem Bereich tatsächlich arbeiten willst, hilft es dich zu fragen, was wäre der kleinste Schritt, der ehrlich machbar ist — diese Woche, nicht „irgendwann"? Ein Spaziergang am Donnerstag. Ein Gespräch, das du seit Monaten aufschiebst. Ein Termin, den du buchst. Klein und konkret schlägt groß und vage.
Wenn das Bild dich erschüttert
Es gibt Momente, in denen das Lebensrad mehr zeigt, als du allein verdauen kannst. Wenn ein Bereich seit Jahren auf zwei oder drei klebt. Wenn du das Gefühl hast, allein im Kreis zu laufen. Dann hilft es, jemanden mit an Bord zu holen — eine vertraute Person, eine Therapeutin, einen Coach.
Wenn du merkst, dass du allein nicht weiterkommst, buche dir gern ein Erstgespräch bei mir 30 Minuten, kostenlos und unverbindlich.






