MIDLIFE-CRISIS: WAS SIE IST, WORAN DU SIE ERKENNST – UND WAS HILFT
- vor 6 Tagen
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„Lebensphase klingt ja erst mal so erbaulich – ab wann wird eine Phase eine Krise?" Mit dieser Frage hat Steffi Banowski mich im Mai 2026 im NDR/N-JOY-Podcast "Flexikon" empfangen. Eine Stunde lang haben wir darüber gesprochen, was die Midlife-Crisis wirklich ist, woran du sie erkennst, wer besonders gefährdet ist und was hilft. Hier sind die wichtigsten Gedanken aus dem Gespräch und aus meiner Coaching-Praxis – und am Ende der Link zur ganzen Folge.

WAS IST EINE MIDLIFE-CRISIS?
Die Lebensmitte ist eine Entwicklungsphase, keine Krankheit. Vergleichbar mit der Pubertät – real, anstrengend und mit eigenen Aufgaben.
In dieser Zeit geht es darum:
Bilanzieren – was war, was ist daraus geworden. Welche Entscheidungen waren für dich gut, welche eher nicht. In der Lebensmitte siehst du dabei oft Muster, die du mit zwanzig oder dreißig noch nicht erkennen konntest.
Weitergeben – an Kinder, Mitarbeitende, an die nächste Generation. Was du in den letzten zwanzig, dreißig Jahren an Wissen, Erfahrung und Haltung gesammelt hast, willst du nicht mehr nur für dich behalten. Du willst es teilen, manchmal auch Fehler benennen, die du selbst gemacht hast.
Die eigene Endlichkeit integrieren – die Eltern werden gebrechlich, im Freundes- und Bekanntenkreis sterben die ersten Menschen, und du beginnst zu spüren, dass auch dein eigenes Leben endlich ist.
Ziele neu sortieren – manche Träume sind nicht mehr realistisch, andere werden wichtiger.
Vor allem, wenn von außen alles erreicht ist – Karriere, Familie – und du dich trotzdem fragst, was eigentlich jetzt noch kommen soll.
Für einige Menschen ist all das mit Verunsicherung verbunden – mit emotionaler Unruhe, Orientierungslosigkeit, Selbstzweifeln, Rückzug oder Konflikten. Vor allem dann, wenn mehrere Lebensereignisse zusammenkommen und weder Weiterkämpfen noch Loslassen eine Option zu sein scheinen.
Manchmal liegt auch ein Entwicklungsstau dahinter: starre Rollenbilder, die irgendwann übernommen wurden, die nicht mehr passen und die du nie hinterfragt hast. Wer Jahrzehnte nur einen Teil seines Selbst gelebt hat, spürt in der Lebensmitte oft, dass es so nicht weitergehen kann.
KRISE ODER CHANCE?
Die ehrliche Antwort lautet: beides – und welcher der beiden Anteile am Ende überwiegt, entscheidet sich nicht durch die Umstände, sondern durch deine Reaktion auf sie. Die Lebensmitte ist zunächst einmal nichts anderes als ein Lebensabschnitt mit eigenen Themen. Was du mit ihnen anfängst – ob du sie als Belastung erlebst, der du zu entkommen versuchst, oder als Material, mit dem du arbeitest – bestimmt, wohin die Phase dich führt.
Aus meiner Sicht ist die Midlife-Crisis vor allem eine Chance. Eine Chance, das Leben in der zweiten Hälfte so neu auszurichten, dass es nicht nur weiter funktioniert, sondern auch stimmig wird. Dass es zu dem Menschen passt, der du heute bist – und nicht zu dem, der du mit zwanzig oder dreißig sein wolltest oder sein solltest.
Dafür gibt es zwei Wege durch diese Phase, und sie unterscheiden sich grundlegend.
Der eine: die Vogel-Strauß-Methode – wegsehen, wegdrücken, durchhalten.
In der Praxis sieht das so aus, dass die Anzeichen zwar wahrgenommen werden, aber als vorübergehende Störung abgetan: noch mehr Arbeit, noch mehr Sport, noch eine Affäre, noch ein neues Auto, noch ein Glas Wein am Abend. Die Strategie wirkt eine Weile. Sie macht die Unruhe weniger spürbar und das Leben weiter erträglich. Aber sie löst nichts. Die zugrundeliegenden Fragen sind weiter da, und je länger du sie wegschiebst, desto schwerer wird es. Am Ende dieses Weges stehen sehr oft Burnout, Depression, Substanzmissbrauch oder Verhaltenssüchte.
Der andere Weg: hinsehen und gestalten.
Hinsehen heißt, dem Unbehagen nicht auszuweichen, sondern es ernst zu nehmen – als Hinweis darauf, dass etwas im inneren Haushalt nicht mehr stimmt. Gestalten heißt, daraus konkrete Schlüsse zu ziehen: In welchen Bereichen will ich etwas anders? Was lasse ich gehen, was bleibt, was kommt neu dazu? Dieser Weg ist anstrengender, weil du dich mit Fragen auseinandersetzen musst, die du womöglich seit Jahren vor dir hergeschoben hast. Er ist auch riskanter, weil ehrliche Antworten manchmal bedeuten, dass sich in deinem Leben etwas verändert. Aber er führt nicht in eine Sackgasse, sondern öffnet einen Spielraum, den du vorher nicht für möglich gehalten hast. Entscheidend ist, ob du deine innere Frage ändern kannst – weg von „Wie funktioniere ich noch besser?", hin zu „Was passt eigentlich zu mir?".
WORAN MERKST DU, DASS DU IN EINER MIDLIFE-CRISIS BIST?
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Vier Lebensebenen, an denen du es bemerkst
Sinn: „War das alles?" Aufgeschobene Träume, das Gefühl, im falschen Film mitzuspielen.
Körper: schlechter Schlaf, dauernde Müdigkeit, Erschöpfung, mehr Alkohol, mehr Sport oder mehr Shopping als sonst.
Beziehung: Distanz, Streit oder eine Zweckgemeinschaft statt Partnerschaft. Alleinsein nebeneinander.
Beruf: Die Karriere ist da, aber sie wirkt leer. „Wofür mache ich das alles?"
GIBT ES MENSCHEN, DIE BESONDERS GEFÄHRDET SIND?
Ja – und es sind nicht die, an die man zuerst denkt. Steffi nahm im Gespräch zunächst an, dass eine Midlife-Crisis vor allem die trifft, die in ihrem Leben vorher schon viel falsch gemacht oder Schweres erlebt haben. Genau umgekehrt: In meiner Coaching-Praxis sehe ich besonders oft Menschen, die nach außen alles erreicht haben – CEOs, Partner:innen in großen Kanzleien, Hochleister:innen mit perfekter Fassade. Genau sie kommen oft mit dem Satz „Ich fühl nichts mehr" zu mir. Vier Muster begegnen mir in meiner Coaching-Praxis in Hamburg immer wieder.
Sie spüren immer zuerst die anderen. Schon als Kind haben sie gelernt, die Stimmung von Eltern, Lehrer:innen und Geschwistern zu lesen. Eine kluge Überlebensstrategie – sie hat diese Menschen durch Schule, Beruf und Beziehungen gebracht. Irgendwann ist daraus eine Identität geworden: „Ich bin das, was die anderen brauchen."
Sie können nicht Nein sagen. Wer immer auf die anderen ausgerichtet ist, kann kein Nein sagen. Jedes Nein fühlt sich an wie Ablehnung, Egoismus, Verrat – und sofort kommt das schlechte Gewissen.
Sie kennen ihre eigenen Bedürfnisse oft nicht. Wer Jahrzehnte nur die Bedürfnisse anderer wahrgenommen hat, hat verlernt, die eigenen zu spüren. Sie können genau beschreiben, was Mann, Frau, Kinder, Chef wollen. Auf die Frage „Was willst DU?" kommt erst mal: Stille.
Sie funktionieren, statt zu spüren. Beruf, Familie, Beziehung – alles wird perfekt erledigt. Sie tun, was zu tun ist, und spüren sich dabei nicht. Erst wenn der Körper streikt – Burnout, Herzinfarkt, Schlaflosigkeit – kommt das Spüren zurück. Als Notruf.
WAS KANNST DU SELBST TUN?
Eine ehrliche Bilanz ziehen
Geh die Bereiche deines Lebens durch: Job, Familie, Gesundheit, Sinn – und was dir sonst wichtig ist. Frage dich bei jedem einzelnen Bereich: Bin ich hier zufrieden, oder nicht? Stehe ich stabil, oder wackelt es?
In den Bereichen, in denen du unzufrieden bist, geh einen Schritt weiter: Was hast du bisher versucht, was hat geholfen, was nicht? Und vor allem: Was macht es so schwer, ins Handeln zu kommen?
Für die strukturierte Variante dieser Übung habe ich einen eigenen Blogbeitrag geschrieben: Das Lebensrad – ein Blatt Papier, acht Fragen, und du weißt, wo du stehst.
An den Schutzfaktoren arbeiten
Aus der Entwicklungspsychologie und meiner eigenen Erfahrung gibt es fünf Dinge, die dir helfen, gar nicht erst in eine echte Midlife-Crisis zu rutschen – oder dich, falls du schon mittendrin steckst, schneller wieder zurückzuholen.
Selbstverantwortung übernehmen.
Selbstverantwortung ist eines der missverstandensten Wörter. Es bedeutet nicht, dass du an allem, was gerade schwer ist, selbst schuld bist. Vieles, was in der Lebensmitte gleichzeitig passiert, hast du nicht ausgesucht.
Selbstverantwortung übernehmen heißt etwas anderes: anzuerkennen, dass du einen Anteil an deiner aktuellen Lage hast. Und das ist gut so, denn wenn du nur Opfer der Umstände wärst, wärst du machtlos. Wenn du aber Verantwortung hast, sei sie noch so klein, dann kannst du etwas tun. Dann kannst du gestalten.
Proaktiv in die Zukunft schauen.
Was kommt in den nächsten zehn Jahren auf dich zu? Eltern werden pflegebedürftig, Kinder ziehen aus, die Rente liegt nicht mehr dreißig, sondern fünfzehn Jahre entfernt. Wer sich diese Themen früh anschaut, kann aktiv gestalten.
Weitergeben, was du gelernt hast.
An Kinder, an jüngere Kolleg:innen, an Vereine und Nachbarschaft. Erik Erikson nannte das Generativität, und er meinte damit nicht nur die eigenen Kinder. Es geht um alles, was über die eigene Person hinausweist – Wissen, Erfahrung, Zeit, manchmal auch Geld. Generativität ist einer der stärksten Anker gegen das Gefühl, dass nichts mehr Sinn ergibt. Und einer der am meisten unterschätzten.
Lerne, mit großen Gefühlen und Unsicherheit umzugehen.
Das ist der wichtigste Schutz vor einer echten Krise. Wer früh anfängt, sich für die eigenen Gefühle ernsthaft zu interessieren – durch Therapie, Coaching, ehrliche Freundschaften, konsequente Selbstreflexion – kommt mit echtem Repertoire in die Lebensmitte. Wer das nicht getan hat, lernt es in der Krise selbst – nur dann unter Druck und meistens recht spät.
Sorge für stabile Beziehungen außerhalb der Partnerschaft.
Besonders für Männer: Wenn die Partnerin die einzige Vertraute ist und es mit ihr Konflikte gibt, fehlt die Unterstützung in schweren Zeiten. Mein Plädoyer an die Männer in meiner Praxis – und das gilt auch präventiv: Sucht euch stabile Freundschaften außerhalb der Partnerschaft, wie Steffi Banowski es so schön auf den Punkt gebracht hat.
DIE GANZE FOLGE HÖREN
Wenn du dich in einigen Punkten wiedererkannt hast, hör in die Folge rein. Steffi Barnowski und ich gehen darin tiefer in die Themen, die ich hier nur anschneiden konnte — unter anderem, warum so viele Frauen ihre „Antennen nach innen erst noch wachsen lassen" müssen, was Männer wirklich brauchen, wenn sie nichts mehr fühlen, und warum am Ende auch Steffi ein klares Plädoyer an Männer richtet, sich Freundschaften außerhalb der Partnerschaft zu suchen.

Flexikon · #122 Quarter- und Midlifecrisis: Wie komm ich da gut durch? · Podcast in ARD Sounds ausgestrahlt am 26. Mai 2026, ca. 60 Minuten.
COACH IN CONTACT
Tanja Tummeley +49 (0) 40 555 733 26
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